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#1 Auf ins Trainingslager

Ein schreckliches Gepolter weckte die Magdeburger Presse-WG an einem Morgen in der Neujahrswoche. „Junior, ich glaub die hochgeschraubten Erwartungen an den FCM sind gerade endgültig runtergefallen“, weckte das Mammut den Jüngsten der Vierergemeinschaft. Den alten Kalauer gähnte Junior galant weg. In der Küche machten die beiden die Ursache des Lärms aus. Der Mischa hatte wieder mal einen seiner gefürchteten Tobsuchtsanfälle und brüllte cholerisch den Kühlschrank an. „Na, wieder klare Sicht ohne Küstennebel?“, stänkerte Junior gekonnt gegen den Boulevardmann. „Die Tickets“, polterte dieser zurück, „die Flugtickets fürs Trainingslager in Spanien sind weg. Sie hingen hier am Kühlschrank.“ Der Aufruhr konnte kaum größer sein.

Eine ähnliche Unruhe gab es zuletzt im Spätherbst letzten Jahres in der WG, als der hiesige Europapokalsieger für ein paar Tage übungsleiterlos durch die Stadt taumelte. Ehrensache natürlich, dass die schreibende Zunft dem blauweißen Chefpraktikanten gleich einen ganz heißen Trainertipp in den Block diktierte. Schließlich hatte das Mammut bei seinem letzten Balaton-Urlaub das Oenning’sche Klavierspiel persönlich kennengelernt, während ihm der sonst so lebensfrohe Westfale über das eintönige Leben in der ungarischen Puszta berichtete. Ganz klar, diesem Mann musste geholfen werden. Dass Chefpraktikant Iron Maik diesen Tipp tatsächlich auch für bare Münze nahm, erheiterte die ganze Presse-Clique. „Über Oenning fahr’n wir nach Lotte“, bückte sich Mischa feixend ab. „Aber ganz piano“, fügte der Junior hinzu, dem eher die musischen als die fußballerischen Ouvertüren des Neutrainers zusagten.

„Bei Abstieg wird wieder aufgesattelt!“

Dieser wurde zum Amtsantritt auch nicht müde, die Spiele in der Zweitklassigkeit als Feiertage zu bezeichnen. Dachte sich auch die Presse-WG und stellte angesichts des schlechten Punkteschnitts schon einmal die Puffbrause kalt. In der 3. Liga würde es bald keine Vorzugsbehandlung der koksenden Sky-Nasen im Stadion mehr geben, die den Jungs stets die besten Mädels auf der VIP-Tribüne wegschnappten. „Bei Abstieg wird wieder aufgesattelt“, gab das Mammut nach der Oenning’schen Auftaktniederlage im leichten Whisky-Übermut zur Parole aus.

Doch was musste die WG schon nach wenigen Wochen schmerzvoll erkennen. Der Neutrainer würde das Trainingslager in Andalusien nicht zugunsten eines feuchtfröhlichen Winter-Spaßcamps im 17. Bundesland absagen. Der Oenning wollte wirklich nach Novo Sancti Petri – und dort allen Ernstes den Grundstein für den Klassenerhalt legen. Als sich die Männer ob der sportlichen Mission kurz die Lachtränensäcke richten mussten, erinnerte sie der stille Hansi pflichtbewusst daran, welche Qualen die WG in den letzten Jahren dort ausstehen musste. Ein betagtes Reinigungspersonal, das wohl selbst bei der Spanien-WM 1982 schon auf Ü40-Partys ging und eine Sauna-Landschaft, in der der aufsteigende Dunst angesichts der ledrigen Mittfünfziger noch das Angenehmste war. Noch dazu achtete der polnische Ex-Capitano strikt auf die Einhaltung der 0-Promille-Grenze. Kein Wunder, dass die Spaßbremsen bei so viel Sündenverzicht zweimal aufgestiegen waren.  Novo Sancti Petri: den Pressejungs schwante Übles bei einem Ort, der wie ein Virus und ein sowjetisches Straflager zugleich klang.

Die Presse-WG frönt dem Hobby-Alpinismus

Als das Mammut angesichts dieser trüben Aussichten den klugen Vorschlag unterbreitete, den diesjährigen Frömmigkeitskongress im südlichen Spanien nicht zu unterstützen, pflichteten ihm seine WG-Kollegen applaudierend bei. Wer konnte denn zu diesem Zeitpunkt schon wissen, dass die Magdeburger Chefetage kurz nach dem Jahreswechsel mit zwei Granaten aus dem Transfer-Köcher daherkam. Zwar interessierten sich die Jungs für die Herren Kirchhoff und Perthel nur am journalistischen Rande, aber letzterer hatte zumindest seine reizende Frau Ramona im Gepäck. Das österreichische It-Girl hatte auch ihre zwei Großglockner aus der Heimat mitgebracht, was die Jungs flugs zu Hobby-Alpinisten werden ließ. „Auf nach Novo Sancti Petri“, frohlockte das Mammut. Die Clique pflichtete ihm applaudierend bei und kümmerte sich sogleich um die Flugtickets nach Andalusien.

Nicht ganz zu Unrecht stand also Mischa in der Neujahrswoche cholerisch vorm Kühlschrank. Mittlerweile hatte es auch den nervenschwachen Hansi aus dem Bett getrieben, dem Junior schon einmal umsichtig einen heißen Kakao gegen die drohende Panikattacke in die Hände bugsierte. Wie also nun nach Spanien kommen? Die Option Privatjet mit Kapitän sah die Clique vom übereifrigen Rotstift der Buchhaltung als arg gefährdet an. Das Mammut versuchte kurzerhand seine privaten Kontakte von den Olympischen Spielen in Barcelona spielen zu lassen. „Das ist so lange her, damals war ja Nordkorea noch eine Diktatur“, ätzte Junior gegen den WG-Veteranen. Hehe, frecher Seitenhieb des Jungspunds, der sich sofort ein paar böse Blicke vom Mammut einfing. Ein kurzes Feedback von den Kollegen vom Öffentlichen-Rechtlichen signalisierte, dass diese schon wenige Stunden zuvor First Class in Richtung Atlantikküste gejettet waren. Na klar, alles im Sinne der nachrichtlichen Grundversorgung, die gleichgeschalteten MDR-Heinis hatten es schon nicht schlecht. „Bei Sabbel wäre bestimmt noch ein Schoßplatz freigegeben“, bemerkte Hansi vorwitzig. „Ach komm, hat sie überhaupt schon deine Freundschaftsanfrage bei Facebook von vor zwei Jahren beantwortet?“, gab Mischa zurück. Hansi verzog sich schmollend hinter seine Kakaotasse.

Mannschaftsflieger oder Tankstellen-Bockwurst?

Klugerweise erinnerte der Junior seine Kumpane daran, dass die gute Seele der Mannschaft, Zeugwart Heiko I. bestimmt noch ein paar Plätze in seinem fußballerischen Hundefänger anzubieten hatte. Nachdem sein langjähriger Beifahrer seit dem Sommer aus Alters…, hust, perspektivischen Gründen nun in der Provinz seine Hobbyknipse betätigen musste, sollte die Mannschaftsmutti nicht alleine fahren müssen. Als gute Freunde würden die Pressejungs ihrem Heiko natürlich zur Seite stehen und noch einmal in den verstaubten Praktikantenordnern nachschauen, welche spätpubertierenden Abiturientenschnösel sich statt eines Zeilenhonorars mit aufgeplatzten Tankstellen-Bockwürsten abspeisen ließen.

Zum Glück fiel dem Boulevardmann noch rechtzeitig der Kontakt zu seinem Richy ein. Der meuternde Mittelfeldstier aus Frankfurt hatte unter Berufung auf seine Kontakte in die dortige Türsteherszene im Spätherbst ordentlich an der WG-Tür gescharrt. Der Junge durfte dann natürlich unter journalistisch sauberen Methoden seine Probleme mit dem Alttrainer schildern. Aus beinahe väterlicher Sicht verdrückte die WG kleine Freudentränen, als der Richy unterm Piano-Man wieder in der Startelf auflaufen durfte. Die Jungs verwetteten ihr Phrasenschwein darauf, dass sich der heißblütige Hesse bestimmt mit vier Sitzplätzen für die damalige Rechercheleistung bedanken wollen würde. Und wie von Mischa vorhergesagt, saß das Quartett nur wenige Tage später im Mannschaftsflieger gen Andalusien. „Hallo Nils“, begrüßte Junior den Ex-Kapitän, „ich suche noch ein paar Experten für meine Oenning-Biographie. Morgen Interview an der Hotelbar?“. Oha, offenbar falsches Thema beim blonden Rechtsaußen. Das Mammut, der alte Glückspilz, hatte doch indes tatsächlich den Platz neben dem österreichischen It-Girl bekommen. „Servus, Gnä‘ Frau, wollen Sie mein Schnitzel wienern“, parlierte der alte Charmeur gekonnt. Hach, das konnte nur der Beginn eines wunderbaren Trainingslagers werden.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog