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#2 Katerstimmung unter der spanischen Sonne

Tag zwei unter der glühenden Winterhitze von Andalusien: Die Mannschaft hatte den feuchtfröhlichen Einstand der neuen Größenwahnsinnigen im Team nahezu unbeschadet überstanden. Beim Club der blauen Dichter herrschte derweil der schon traditionelle Trainingslager-Kollaps. Junior lag mit Magen-Darm flach. Er vermutete, dass Mischa seine Apfelschorle dieses Mal mit abgestandenem kirgisischen Vodka gespritzt hatte. Nur so lässt sich erklären, wie es der Jungspund der Presse-WG nach 15 Jahren endlich gewagt hatte, Jugendschwarm Daniela aus der 7b die Leviten zu lesen, wenn auch nur per Mailbox. Das Mammut hatte zu vorgerückter Stunde mal wieder Bekanntschaft mit den vergnügungssteuerpflichtigen  spanischen Kittelträgerinnen gemacht, nur dieses Mal waren es nicht wie sonst die kostümierten Seelenheiler, sondern echte Krankenschwestern. Der selbst ernannte Playboy unter den Journalisten hatte es sich mit dem frischen Bochumer Neuzugang verscherzt, nachdem er online zweideutige Fotos seiner offenherzigen Ehefrau vermarkten wollte. Sein anschließender Auftritt als feinfühliger Glöckner von Novo Sancti Petri brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Immerhin kennt das Mammut nun die Boxkünste des neuen Linksaußen.

Hansi hielt sich – wie angekündigt – dieses Jahr konsequent von den ausschweifenden Feierlichkeiten fern. Während die anderen den Rausch ausschliefen, tickerte er für ein großes deutsches Fußballmagazin das als „Testspiel der Woche“ titulierte Duell zwischen TuS Erndtebrück und Deportivo Xerez. Aufmerksamkeit schenkte er jedoch weniger dem blassen Anti-Tiki-Taka-Kick auf dem Feld, sondern eher den mediterranen Gerüchen aus dem VIP-Raum. Denn dort wimmelte es von delikaten Tapas. Das sprach sich in Windeseile unter der Presse-Meute rum, so dass bereits fünf Minuten vor Spielende kein Journalist mehr auf dem Platz war. „Alles für lau, was für ein Paradies!“, murmelte der gut gelaunte Groundhopper vor sich hin. Doch er hatte die Rechnung ohne seinen hungrigen und aggressiven spanischen Radio-Kollegen gemacht. Denn dieser ruinierte ihm beim Sprint zur letzten Speck-Dattel die geliebten senffarbenen Ledertreter. Vergebens versuchte Hansi minutenlang einen Beruhigungs-Kakao aufzutreiben. Sein Tag schien gelaufen. Wo solle er bloß Ersatz finden, dachte sich der kleine Mann von Welt. Doch dann kam ihm der Bomber des Ostens ins Gedächtnis. Der fristete zwar mittlerweile sein Dasein als renitenter Rentner, aber ein paar neue Schuhe würden für seinen alten Kumpel ja wohl noch drin sein…

Zeit für einen Tapetenwechsel?

Beim gut dreieinhalbstündigen Telefonat kam der aufgewühlte Hansi jedoch kaum zu Wort. Der Schuhfachverkäufer-Pensionär redete sich stattdessen über die Trainer-Neuverpflichtung seiner Fischköppe aus dem Norden in Rage. „Ich habe denen noch von diesem Anfänger abgeraten. Aber auf einen so verdienstvollen Ex-Spieler wie mich hört ja keiner“, meckerte er, bis er irgendwann schließlich doch auf das eigentliche Ansinnen einging. „Du kriegst deine Schuhe aber nur, wenn du ein ganzseitiges Interview mit mir abdruckst. Die Betonung liegt auf G A N Z S E I T I G!“, entgegnete er Hansi, „ansonsten frage ich wieder Junior.“ Doch dann unterbrach die Verbindung. In Gedanken war der sensible Tierliebhaber sowieso längst schon abgeschweift – an die Ostsee, inmitten der liebreizenden Möwen, die er so leidenschaftlich gern mit seiner Leica-Kamera fotografierte, während er zur Belohnung eine heiße Schokolade mit Sahne schlürfte. Für einen kurzen Moment dachte er, ob es nicht vielleicht doch mal Zeit für einen Tapetenwechsel wäre. Doch dann klingelte sein Handy. Eine verkaterte, raue und kaum verständliche Stimme meldete sich. Das konnte nur Stubennachbar Mischa sein.

„Hansi, ich habe ‘ne riesen Story. Kennst du diesen neuen Alfred?“ „Nein, wer soll das sein?“, erwiderte Hansi mit sanfter Stimme, „Aber du weißt ja, dass ich mir die Namen der SCM-Spieler sowieso nicht merken kann.“ Doch der enthusiastische Choleriker am anderen Ende der Strippe ließ nicht nach. „Der hat jetzt zweimal getroffen. Das muss ‘ne richtige Granate sein. Und trinken kann der, sage ich dir…“ So ging das noch Minuten weiter. Mischa erzählte wie ein frisch Verliebter von seiner ereignisreichen Begegnung mit dem ominösen Alfred. Seine Redaktion hatte Mischa nach dem offiziellen Ende der Einstands-Party an die Hotelbar geschickt. Er sollte Mister Undercover spielen, um so an den heiklen Stoff für den nächsten Tag zu kommen. „Du musst ja auch nicht alles ganz so wörtlich nehmen, was die dir sagen“, bekam er aus der Berliner Konzernspitze noch mit auf den Weg. Es dauerte sechs Korn-Gläser, bis sich ein gut gelaunter schwarzhäutiger Mann neben ihn an den Tresen setzte. „Weißt du eigentlich, wie bekannt ich mittlerweile in Ghana bin?“, fragte ihn der offensichtlich stark angeheiterte Flügelflitzer. Mischa schüttelte den Kopf – von diesem „Ghana“ hatte er noch nie was gehört. Doch das sollte der Diskussion keinen Abbruch tun. Es folgte eine rege Unterhaltung über Kopfballtore, Spielerfrauen und den Sinn und Unsinn der 0-Promille-Toleranz des Trainers. Sieben Korn, vier Bier und drei Whisky später hatte Mischa seine Story. Weil er den Namen seines Interviewpartners vergessen hatte, benannte er ihn nach dem Helden seiner Kindheit, Alfred J. Kwak.

Neues Trainingselement: das Glockenspiel

Drei Tage später hatte sich auch Junior so langsam von seinem ungewollten Alkoholexzess erholt. Dem Bubi blieb viel Zeit, um über seine geheime Oenning-Biografie nachzudenken. Dabei trieb ihn eine zentrale Frage um: Welche Lieblingsschuhfarbe hat solch ein weitgereister und populärer Trainer eigentlich? Die Antwort ergründete er auf direktem Wege. Er suchte das Zimmer 1408 auf – die Penthouse-Suite des Trainers. Weil die Tür nur angelehnt war, wagte der Grandseigneur der investigativen Recherche einen Blick hinein und sah, wie sich der Protagonist seiner Biografie an ein neues Instrument wagte, das Glockenspiel. Zweifelsohne zeigte der Trainer dabei eindrücklich seine musikalische Vielfältigkeit. Eine gut bestückte Spielerfrau, deren Anblick beim Junior jedes Mal eine reflexartige Sabberattacke auslöste, konnte das wirkungsvoll am eigenen Körper erfahren. Unbemerkt schlich sich der künftige Bestsellerautor wieder davon. Im Flur begegnete dem geistig abwesenden Junior dann Abwehrrecke Steffen, mit einem Paket in der Hand. „Das sind Erstliga-Fußballschuhe“, tönte er großspurig, „die ich beim Test morgen gegen Shenzhen tragen werde.“ Beim Wort „Erstliga-Fußballschuhe“ kam Junior wieder zu sich. Im Vorbeigehen konnte er gerade noch so den Absender erhaschen: ein gewisser Y. Gerhardt aus Wolfsburg. Eine tolle Geschichte für seinen Blog, dachte sich Junior. Als er seine neuesten Recherchen der heimischen Redaktionsassistentin mitteilte, fiel die aus allen Wolken. „Das müssen wir richtig groß machen! Endlich mal eine geile investigative Geschichte. Versuch mal, ob du noch andere Spieler dazu befragen kannst.“ Gesagt, getan.

Wenig später konnte Junior dann gleich wieder mit Kindersekt anstoßen. Sein Trainingslager-Blog hatte den 50. Leser erreicht. Das nahm der eifrige Wortjongleur zum Anlass, gleich noch ein eindringliches Foto vom letzten Toilettengang des Team-Physios zu posten. Manipulier-Maschine Mischa döste währenddessen mit Dauerkater noch in seinem Zimmer – in seinem ausgeblichenen Feinripp-Unterhemd. Bis am späten Nachmittag sein rot glitzerndes Handy aufleuchtete. Push-up-Nachricht aus München. Titel: „Riberys bestes Stück glänzt in Gold“. Die Schnapsleiche legte seine Leoparden-Decke, ohne die er nirgendwo hinreiste, zur Seite, schaute auf’s Display und schäumte vor Wut. Erste Aggressionspickel machten sich auf seinem faltigen roten Gesicht breit. „Dieser H****Sohn! Der frisst das Steak einfach ohne mich“, fauchte er durch das hellhörige Zimmer. So laut, dass selbst Magdeburgs neuer Piano Man und Großglöckner, drei Räume weiter, Beethovens Schicksalssinfonie vor Schrecken für einen kurzen Moment unterbrechen musste. „So geht man nicht mit einem verdienten Boulevard-Journalisten um“, brach es aus Mischa heraus. Er habe immerhin 35 Jahre Trink…, ähh Schreiberfahrung. Diese Schock-Nachricht besiegelte das Ende der innigen, drei Monate währenden Busenfreundschaft zwischen der Bayern-Diva und dem cholerischen Lokaljournalisten.

Der Absturz des einstigen Presse-Titans

Das Mammut ließ sich nach seinem unrühmlichen Auftritt in der ersten Nacht nur noch sporadisch unter Menschen blicken – aufgefallen war das aber niemandem. Sein verqualmtes Zimmer verließ er nur, wenn sich die Whiskyflasche aus der Minibar dem Ende näherte. Dass Zigarrenasche und Milben auf seinem Bett bereits Samba tanzten, störte ihn herzlich wenig. Intensiv wie nie zuvor hatte er sich auf das Testspiel des Clubs gegen FC Shenzhen vorbereitet. Er wollte seinen ehemaligen Chefs zeigen, dass es ein Fehler war, ihn rauszuwerfen. Pünktlich zum Anpfiff eilte das Mammut zur leeren Presse-Tribüne. Jede Aktion notierte er in seinen Block. Als einziger Journalist hatte er sich im Vorfeld um ein Exklusiv-Interview mit Shenzhen-Superstar Harold Preciado bemüht. Als Dank für das Interesse bekam er von den Chinesen ein Trikot mit allen Unterschriften des Super League Clubs. Das kalte Herz des Mammuts war gebrochen. Tränen flossen. Nach dem Interview verschanzte sich die Edelfeder schnell wieder in seinem vernebelten Zimmer. Zwei Tage später präsentierte er die Geschichte ganz stolz mehreren Redaktionen. Doch die Lokalzeitungen interessierten sich einen Furz dafür. Selbst das Magdeburger Gratisblatt druckte lieber noch einmal das Bürger-TV-Programm der Vorwoche ab. Es war der Tiefpunkt des einstigen Presse-Titans. Zur andalusischen Abschlusssause erschien er erst gar nicht mehr.

Erst auf dem Rückflug schöpfte das Mammut dann wieder ein wenig Lebensmut. Das lag nicht nur an der Whisky-Cola, die er pausenlos von den Stewardessen anforderte, sondern vor allem an seiner anmutigen Sitznachbarin. Während das österreichische It-Girl nach den Erfahrungen vom Hinflug dieses Mal lieber den Privatjet bevorzugte, hatte das Mammut nun ein neues Opfer auserkoren: Sabbel. Die freizügige Dame von den Öffis zeigte sich äußerst empfänglich für die Charmeoffensive des alten Mannes – nicht ganz ohne Eigennutz. Denn die ehrgeizige Pressefrau, die Männer vernascht wie andere Chips verschlingen, wollte schon immer mal der legendären Presse-WG-Party beiwohnen. Dazu sollte sie bald Gelegenheit bekommen. Was sie jedoch noch nicht ahnte: es sollte ein unangenehmes Wiedersehen mit ihrem Ex-Lover JLö geben.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog