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#3 Die WG-Party

Schon lange hatte die Presse-WG in Magdeburg nicht mehr so feinen Fußball gesehen. Nach der Winterpause gab es auf einmal Tore, Punkte und exzellente Spielzüge satt. Ein Glück hatte Junior seine Playstation wieder herausgekramt, sodass die WG ein wahres Feuerwerk an Ballstafetten auf das virtuelle Geläuf zaubern konnte. Ein paar Stunden bevor es zur langersehnten WG-Feier kam, wollten die vier Edelfedern den Edeltechnikern in nichts nachstehen. Junior zeigte sich mit seinen Fingern am Controller dabei so virtuos wie sonst nur das Mammut in der Dessous-Abteilung des örtlichen Einzelhandels. Den Sieg im kleinen Vierer-Turnier holte sich dennoch Mischa, dem mit dem Team von Paris Saint-Germain ein deutlicher Wettbewerbsvorteil zugesprochen wurde. „Tradition gewinnt“, zwinkerte der Boulevardmann gönnerhaft und goss seinen Mitbewohnern nonchalant einen Stoß Küstennebel in die zuvor bereits ordentlich durchgespülten Gläser.

Für die sagenumwobene WG-Feier hatten sich die vier Jungs bei der Orga Tage zuvor ordentlich ins Zeug gelegt. Schließlich kam handverlesene Lokalprominenz in die eigenen 200 Quadratmeter. Die Politiker, die Sportler, die Journalistenkollegen und, natürlich, der gesamte Kader des 1. FC Magdeburg hatten sich angekündigt. Da wollte sich die WG in Sachen Gastgeberqualitäten nicht lumpen lassen. An alle war gedacht. Steaks, diverse Salate, vegetarische und vegane Köstlichkeiten, ein buntes Suppen-Büffet, dazu spritzige Cocktails und vielfältige Softdrinks – so hätte es eine WG mit Stil wohl gemacht. Der Club der blauen Dichter hingegen orderte einfach einen Kofferraum voller Bierkästen, sattelte feinsten Wodka der Marke „Sibirische Gefahr“ drauf und garnierte das Ganze mit den im Restposten erhältlichen Wiener Würstchen an einem 50-Liter-Eimer Kartoffelsalat.  Die Kicker würden bestimmt hungrig sein, dachten sich die WG-Kumpane, nachdem die Oenning-Truppe mit sieben Punkten aus drei Spielen so gut aus dem Winter kam wie die Rote Armee in Stalingrad ein paar Jährchen zuvor.

Iron Maik zeigt sich DNA-erprobt

Zu verdanken war dieser Aufschwung unter anderem natürlich dem neuesten Mitglied des hiesigen Zweitligisten. Nicht ganz uneigennützig hatte das Mammut bei der Torwartsuche unter Bemühung seiner alten Kontakte aus Sowjetzeiten die Fühler nach Georgien ausgestreckt. Dass der ihm empfohlene Giorgi Loria in Fußballfachkreisen als „kaukasischer Flutschfinger“ betitelt wurde, verzieh das Mammut spätestens bei dem Erhalt erlesenster georgischer Prädikatsweine aus Tiflis. Diese entkorkte der WG-Veteran zu später Stunde gemeinsam mit der neuen Nummer 1. „Willst du auch einen edlen Tropfen, Alex?“, fragte das Mammut den perspektivreichen Ersatzkeeper. Dieser lehnte voller Inbrunst ab und nippte verdrossen an etwas Nichtalkoholischem. „Ganz der Profi“, flüsterte das Mammut angeheitert prostend seinem neuen georgischen Freund zu.

Die Party war unterdessen schon in vollem Gange. Eine ganze Schar illustrer Persönlichkeiten bevölkerte die WG. Chefpraktikant Iron Maik stellte die Eigenschaften der Magdeburger DNA in puncto Leidenschaft und Emotion im Zweikampfverhalten mit einer lokalen Studenten-Schönheit nach. Neidisch beäugte Hansi den Nahkampf der beiden Geschlechter und trollte sich anschließend in die WG-Küche, wo Mischa und der GmbH-Geschäftsführer konspirativ die Köpfe zusammensteckten.

Von geheimen Testspielen und einem Steinway-Flügel

„Also, Mario, wo finden jetzt die nächsten geheimen Testspiele statt?“, hakte der Boulevardmann penetrant nach und goss dem langjährigen Leitwolf einen ordentlichen Schluck Weinbrand nach. „Mariacron, ich komme schon, hehe“, lallte Mischa und kleckerte sich ein paar Tropfen über seine extravagante Designer-Jeans.

„Training unter Wettkampfbedingungen, Mischa, wir veranstalten doch keine geheimen Testspiele“, zwinkerte Kalle seinem Gegenüber spöttisch zu. „Fahr doch mal zufällig in der Woche nach Ostern am Trainingsgelände von Rasenballsp…“, setzte der Geschäftsführer an und hielt inne, als er Hansi die Küche betreten sah. „Ach, hallo, Herr …, schön Sie zu sehen. Wie geht’s den Kindern. was macht Ihr Restaurant“, unterbrach Kalle überrascht seinen Satz.

„Welche Kinder, welches Restaurant, ich arbeite doch auch bei der Presse“, gab Hansi enttäuscht zurück und löffelte sich leicht wimmernd und unter den mitleidigen Blicken der beiden etwas Kakaopulver in seine Lieblingstasse. Danach entschwand er der peinlichen Stille und folgte den Klängen des Pianos ins Wohnzimmer. Junior hatte keine Kosten und Mühen gescheut und für seinen neuen Lieblingstrainer einen exklusiven Steinway-Flügel in die WG hieven lassen. Seit an Seit auf der Klavierbank ließen die beiden erst ihr Können in der klassischen Musik aufblitzen, bevor zu später Stunde die eingängigen Gassenhauer feilgeboten wurden.

Maschine stimmt seinen Osnabrücker Sommerhit an

„Maschine, einmal noch, bitte“, feuerte der Kapitän seinen alten Mannschaftskameraden an. Felix hatte sich nach Beendigung seiner Karriere in der niedersächsischen Schweine- und Rinderzuchtebene nicht lange bitten lassen, seine alten Mannschaftskameraden bei der WG-Feier wieder mal zu besuchen. Mittlerweile hatte der einstige Abwehrrecke glücklicherweise schon wieder so viel Atü auf dem Kessel, dass sein nicht jugendfreier Osnabrücker Sommerhit einigermaßen stilecht über die Bühne ging. Arm in Arm mit dem Magdeburger Torjäger intonierte er fehlerfrei, während fast alle Gäste nach mehrmaliger Probe textsicher mit einstimmen konnten: Maschine feat. Magdeburger Presse-WG.

Dem Mammut wurde angesichts der einträchtigen Stimmung ganz warm ums Herz. Vielleicht erfüllte aber auch nur der vorzügliche Whisky seine Brust mit wohliger Temperatur sowie die Tatsache, dass Sabbel Geborgenheit an seiner starken Schulter suchte. Der frivolen Blondine von den Öffentlich-Rechtlichen hatte der Streit mit ihrem einstigen Liebhaber JLö an diesem Abend ordentlich zugesetzt. Die zwei Sommer währende Liaison der beiden hatte heftige Risse bekommen, als der grobe Mittelfeldmotoriker beim letzten Mallorca-Urlaub abermals expliziten Körperteilen eine balearische Frischluftkur verpasste.

Mammuts „uneigennützige“ Fürsorge

Nur konsequent, dass die rege Reporterdame dem Sechser damals noch am Strand von Cala Rajada den Laufpass gab. Freilich wusste das Mammut von der Trennung der Lokalprominenz, irgendein Schelm musste JLö allerdings dennoch in die WhatsApp-Gruppe der WG-Party eingeladen haben. Nun ja, dachte sich das Mammut, Hauptsache, sie darf sich erst einmal bei mir ausweinen und tätschelte mitfühlend ihr blondes Haupt.

„Ich dachte wirklich, ich hätte aus ihm einen anständigen Typen machen können“, schluchzte Sabbel hemmungslos in den weichen Kaschmir-Pullover ihres verständnisvollen Kollegen. „Und dann sehe ich ihn da vorhin mit diesem jungen Ding, wie er da mit seiner Zunge Weintrauben aus …“, weiter kam sie nicht, bevor ihr Lamento in einem neuerlichen Weinkrampf endete. Das Mammut legte großherzig seinen Arm um sie: „Indem wir verletzt werden, treibt uns der Schmerz zu neuen Ufern.“

Koa Sünd auf der Alm

Nicht schlecht, dachte sich Hansi, der diese Szene abermals neidisch beäugte. Auch wenn er glaubte, dass das Mammut diesen Satz aus einem drittklassigen Western geklaut haben könnte, notierte er ihn sich später in seinem Reporter-Poesie-Album. Zuvor blieb die ganze Aufräumarbeit natürlich wieder an ihm hängen. Als in der Morgendämmerung langsam die Nacht aus dem Himmel waberte und sich das Schwarz beharrlich zu einem Blau verflüchtigte, bat Hansi die letzten Partygäste aus der WG.  „Danke, Peter“, winkte Abwehrkante Dennis Erdmann zum Abschied. „Hansi reicht“, sagte Hansi und schloss die Tür. Auf dem Weg zurück in die Küche stieg er über verlorene Seelen, denen Müdigkeit und Alkohol ein Bett mitten im Flur bereiteten. In seligem Schlummer vereint lagen der Chefpraktikant neben einer Sportstudentin, Sabbel auf dem Mammut sowie Mischa vor einer Flasche Doornkaat.

Hansi schloss die turbulente Feier mit einem doppelten Kakao in der Küche ab. Er hielt es für eine gute Idee, seinen Kollegen schon die Akkreditierungen für die Auswärtspartie in Bielefeld auszufüllen. Diesen Dienst würde ihm später zwar mal wieder niemand danken, doch die Premiere auf der Alm wollte die WG schon ordentlich angehen. Letztens hatte dem langjährigen Junggesellen sogar jemand einen brandneuen Witz erzählt, wonach es Bielefeld wohl gar nicht geben solle. Hansi lachte still in seinen Kakao hinein. Das musste er unbedingt seinen Mitbewohnern erzählen, dachte er. Im Wohnzimmer vernahm er die verlorenen Klänge eines leisen Piano-Spiels. „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd“, säuselten Junior und Piano-Man Oenning zart. Hansi schmunzelte. Koa Sünd, dachte er, das werden wir ja mal sehen.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog