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#4 Das Hamburger Nach(t)spiel

„Leute, kommt – die Ritze wartet auf uns“, frohlockt der lüsterne Mischa vor der Abfahrt nach Hamburg. Es ist der erste gemeinsame Auswärtstrip der Presse-WG im fliederfarbenen Kia von Junior. „Was sagt ihr zu meinem neuen 56 PS starken Flitzer?“, will der stolze Autobesitzer wissen. Das Mammut beäugt das Gefährt ob der fehlenden Alufelgen äußerst skeptisch. Naja, jungfräuliche Mädels aufreißen, kann man damit nicht, denkt er sich. „Für ein Bobby-Car ganz nett“, flachst Mischa, der sein weißbüschiges Haupt für das Auswärtsspiel extra noch im Gard-Haarstudio richten ließ. Dem Boulevardmann bleibt aber keine andere Wahl als einzusteigen, denn seinen Lappen ist er mal wieder los. Vom Duisburg-Abstecher brachte er mehr Punkte mit nach Hause als der Club. Hansi kann seine Begeisterung kaum im Zaum halten. Schon sein Papa fuhr jahrelang Kia. Brav nimmt er daher mit seiner Brotdose und den Möhrchen auf der Rückbank Platz. Mischas Reiseproviant ist ein bisschen feuriger. Er hat dieses Mal neben Küstennebel und Kippen auch blau-weiße Kondomen dabei. Seine Devise heute: Stehst du noch oder hüpfst du schon?

Fünf Stunden später. Nach vier Pinkelpausen, 27 vorbeidüsenden Magdeburg-Fanbussen und diversen Wutattacken vom Profi-Choleriker Mischa trudelt das Kia-Mobil auf dem Presse-Parkplatz ein. Junior wollte bei seiner Jungfernfahrt mit seiner südkoreanischen „Lissi“ – so hat er sein Auto getauft – keinen Kratzer riskieren. Der Tachozeiger hatte einen gemütlichen Job zu verrichten, die 100 Stundenkilometer-Marke musste er erst gar nicht erst überschreiten. Hansi studierte in der Zeit die Bedienungsanleitung von der analogen Leica-Kamera seines Vaters. Das nostalgische Stück verließ die Papa-Vitrine zuletzt 1990 – beim letzten internationalen Auftritt des FCM in Bordeaux. Noch auf dem Parkplatz schießt er das erste Aufreger-Motiv: Mischa und der Schleier eines leeren Küstennebels. Beim Mammut fließen beim Anblick des Volksparkstadions gar ein paar Tränchen über seine stark angeschwollenen Augenlider. So sentimental hat die Presse-WG den extrovertierten Haudegen des Lokaljournalismus noch nie erlebt. „In dem Stadion habe ich mal …“, wollte er gerade zu einer romantischen Liebesgeschichte ausholen, da unterbrach Mischa mit forschem Ton: „Hört doch mal endlich auf zu palavern. Ich brauche erstmal ne ‚Kalte Muschi‘.“ Dass er sich mit diesem heißspornigen Getränkewunsch hier nicht unbedingt beliebt machen würde, war ihm in diesem Moment noch nicht bewusst.

Auf der Suche nach der Kalten Muschi

Kurz vor Anpfiff inspiziert Junior noch einmal das stille Örtchen. Später wird der pedantische Jungspund der Runde seine ausführliche Toiletten-Bewertung wieder ganz stolz auf seinem Blog präsentieren. Mit jedem Gang aufs Urinal steigt sein Bekanntheitsgrad in der Internet-Community. Mit jedem dritten Pinkel-Post gibt’s einen neuen Follower. 21 Abonennten hat er schon. Drauf geschissen, dass er dadurch die Stadionhymne verpasst. Mittlerweile ist auch der verzweifelte Mischa wieder aufgetaucht, mit einer Bionade in der Hand. „Diese Öko-Grütze haben die mir hier wirklich als Kalte Muschi verkauft. Schmeckt eher wie Männer-Furz.“ Das Mammut hat dafür nur ein zartes Grinsen übrig. Er ist abgelenkt, er meint, er habe in der Hamburger Pressesprecherin ein altes Tinder-Match erkannt. Das attraktive Deern kann oder will sich daran jedoch nicht erinnern und lässt den spröden Magdeburger eiskalt abblitzen. Der Anpfiff rettet den selbsternannten Womanizer vor weiteren Fremdscham-Momenten.

Hansi kauert seit der ersten Spieminute an seinen stark mitgenommenen Fingernägeln rum, Mischa kritzelt obszöne Bildchen in sein ausgefranztes Notizheftchen. Junior wirkt als einziger der Presse-WG halbwegs seriös, naja sagen wir mal eher engagiert. Er tippt jede Ballberührung auf seinem Laptop ein. Kein Spielzug darf fehlen, Chronistenpflicht nennt er das. Für seine Zeitung soll er später ja auch noch alle Spieler benoten. Traditionell wird das mit Hilfe von Knobelkönig Mischa ausgewürfelt. Dann die 22. Spielminute: Tor für den 1. FC Magdeburg! Oder doch nicht? Oder nur vielleicht? Abseits! Mischa ist außer sich. Sein letzter Funke an Presse-Ethos geht ihm abhanden. Seine Bionade-Flasche trifft im Eifer des Gefechts einen Hamburger Radioreporter an der Schulter. Es folgt ein fäkalwortreicher Schlagabtausch, der es in sich hat – alles on air. Für Hansi ist das alles zu viel. Er muss sich erstmal einen neuen Kakao aus dem Presseraum holen.

Lusttröpfchen im Schießer-Schlüpfer

Kurz vor Ende haben sich die Gemüter dann wieder beruhigt. Es steht mittlerweile 1:1. Mischa versucht seine Aggression mit Nikotin zu stillen. Während er in Gedanken schon Höschen-Safari auf der Reeperbahn spielt, mailt Junior seinen Spielbericht an die Redaktion – zwei Minuten vor Abpfiff. „Der Drops ist gelutsch“, ist sich der Schreiberling sicher. Doch in der 94. Spielminute wird er ganz nervös. Er muss nochmal seinen zuvor verstauten Duden der Fußballreporter-Sprache zur Hilfe nehmen. Er blättert und blättert. Bei E wie Ekstase wird er für das, was hier gerade passiert, schließlich fündig. Hansi kleckert vor Freude der Kakao auf seinen Schritt. Auch in Mammuts Schießer-Schlüpfer wird es feucht, pure Lusttröpfchen – wie er sie seit der Affäre mit Sabbel von den Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr erlebt hatte. Nach dem Schlusspfiff schleicht sich das das Magdeburger Journalisten-Quartett mal wieder still und heimlich davon. Keiner der vier kreativen Wortakrobaten muss sich noch Pressekonferenzen antun. Zitate sind für die Presse-WG wie Cocktails: schmeckt nur gut, wenn man sie selbst mixt. Mischa ist gedanklich sowieso schon beim Nachspiel.„Los geht’s, ab inne Ritze!“

Auf dem Kiez trifft die Presse-WG auf einen alten Bekannten. JLö tanzt mit runtergelassener Buchse vor dem Dollhouse – sein altes Magdeburg-Trikot hat er sich in alter Karate-Manier um den Kopf gebunden. „Janni, willst du mit in die Ritze, Natascha ist heute auch wieder da. Du weißt, was das heißt…“, lallt Mischa. „Lass mal, mein Fahrer holt mich gleich ab, muss in neun Stunden wieder zurück in Magde… ähh Lautern sein, hehe“. Junior ist der Kiezbesuch sichtlich peinlich. Unbedeckte weibliche Haut kennt er eigentlich nur aus der Bravo, und von Mutti. Wird er angesprochen, fängt er an zu Stottern. Hansi kann derweil nicht von seiner Kamera lassen und das Mammut, ja das Mammut ist schon gar nicht mehr unter den Vieren. Er war so gallig, dass er gleich das erste verlockende Angebot bei der Damenwahl angenommen hat.

Investigative Rotlicht-Recherche

In der Ritze angekommen, geht es für das verbliebene Trio direkt in einen Hinterraum. „Getränke gehen auf mich, das Dessert müsst ihr aber selbst blechen“, feixt Mischa. „Haben Sie auch Kakao?“ fragt der aufgekratzte Hansi die barbusige Bedienung Beatrix. „Was bist du denn für ein Süßer“, faucht sie ihm in die Ohren, „ich kann dir gern eine heiße Schokolade servieren.“ Sie winkt die dunkelhäutige Michelle hinein. In diesem Moment vergisst Hansi alles um sich herum. „Mischa, wieder das Deluxepaket?“, fragt Natascha. „Na siggi, kennst mich doch. Hab auch wieder meine Bonuskarte dabei.“ Anschließend verschwindet Mischa mit zwei Frauen im Separée. Kiez-Neuling Junior kann mit dieser erotischen Reizüberflutung nichts anfangen, stürmt aus dem Schuppen. Er rennt dem schunkelnden Mammut direkt in die Arme. „Junior, du glaubst nicht was ich gerade alles erlebt habe?“ Doch der ist in Gedanken wieder bei Daniela aus der 7b. Sollte er seinen letzten Funken Hoffnung auf eine Liaison wirklich mit einer Bordsteinschwalbe aufs Spiel setzen? Mischa dagegen ist nach drei Stunden harter investigativer Rotlicht-Recherche im Reinen mit sich. Frohlockend verkündet er: „Jetzt knallen wir auch die Darmstädterinnen weg.“ Von einer Durststrecke bei den Größten der Welt und dem ersten derben WG-Krach ahnt hier noch keiner was.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog