Springe zum Inhalt →

#5 Sommerpausen-Blues

„Dreimal für Zimmer 21b“, schob sich das Mammut in lautstarkem Ton an der Empfangsdame vorbei. Mit Hansi und Junior im Schlepptau machte sich der Presse-Veteran auf, um das zumindest kurzzeitig auseinandergerissene WG-Quartett wieder zu vereinen. „Ob uns Mischa gerade sehen will?“, fragte Hansi zaghaft, „immerhin liest man ja die schlimmsten Geschichten über einen kalten Entzug.“   „Wenn du Geschichten schreibst, ist alles schlimm“, konterte Junior charmant gegen den Bedenkenträger. Das Trio bewegte sich schnellen Schrittes gen Zimmer 21b durch die Entzugsklinik in Bad Schlucking. Schiefes Stimmengewirr kündete vom Ort des Geschehens, an dem Mischa seit mittlerweile drei Wochen allen flüssigen Sünden entsagen sollte.

Es waren obszöne, abstoßende Szenen, die sie nur Minuten später über sich ergehen lassen mussten: an eine Pritsche geschnallt, Arme und Hände fixiert und den Blick starr nach oben gerichtet. Es schien, als hätte er sich zwar von allen Sünden losgesagt, dabei aber zugleich auch seine irdische Hülle verlassen.  Die drei schauten sich mit Mischa zusammen gerade eine neue Mystery-Serie im Bezahlfernsehen an, als der Wecker des Zimmernachbarn laut Alarm schlug. Zu der Melodie von „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ prosteten sich Mischa und sein Kompagnon mit zwei kleinen Flachmännern verblüffend eingeübt zu. „Was uns verbindet hier im Laden, das ist der kleine Leberschaden“, gluckste Mischa fröhlich. „Wo früher meine Leber war, ist heute eine Minibar“, gab der Gegenüber gekonnt zurück.

Investigative Erpressermethoden

Als sich die anfängliche Hektik und die Aufregung über das Wiedersehen etwas gelegt hatten, konnte das Mammut – ganz die alte Journalistenschule – nicht umhin, mal etwas bohrende Fragen zum Flüssighaushalt im Zimmer zu stellen: „Der Wunsch deiner Sekretärin nach einem Alkoholentzug für dich war eigentlich nicht als Jochen-Schweizer-Erlebnisgutschein gedacht.“ Der Boulevardmann wischte den Einwand mit einem Kopfschütteln beiseite: „Die haben hier so eklatante Zustände für die Bediensteten, da ist mir natürlich bei der ersten Visite versehentlich der Presse-Ausweis aus der Hosentasche gefallen.“ „Aber du arbeitest doch gar nicht als Investigativjournalist“, unterbrach ihn Junior unwirsch. „Pah, investigativ, kreativ, selektiv – alles eins“, setzte Mischa zu einer fünfminütigen Lobrede auf seine Arbeitsmoral an und erklärte, wie er die Klinikleitung mit Verweis auf seine Pressetätigkeit unter Druck setzte: So führte der Snackautomat mittlerweile auch Weinbrandbohnen und Mischa ließ die Dienste des örtlichen Escort-Services direkt auf die Rechnung des Hauses setzen.

„Wir haben dir auch eine Kleinigkeit mitgebracht“, überreichte Hansi mit strahlendem Blick ein kleines Präsent. „Hmm, ACE-Drink und Dinkeltaler“, guckte Mischa missmutig, „danke, Hansi, da werden sich die Damen vom Empfang bestimmt freuen.“ Mit einem generösen Blick ließ das Mammut die einträchtige Stimmung auf sich wirken. Was waren das nur für Szenen noch Wochen zuvor, als die Stimmung angesichts des drohenden Klassenerhalts des 1. FC Magdeburg innerhalb der Clique zu kippen drohte. Die Schützlinge des mittlerweise geschassten Piano-Mans Oenning hatten durch einen 2:1-Duselsieg über Greuther Fürth noch einmal deftig am Nichtabstiegsplatz geschnuppert. Eine weitere Saison in der 2. Bundesliga neben all den eifrigen, überregionalen Presseheinis auf der Tribüne drohte der WG. Besonders die Sky-Koksnasen waren mittlerweile von der Stimmung im Magdeburger Fankessel so angetan, dass sie weit vor Stadionöffnung bereits eine komplette Reihe mit alten Premiere-Handtüchern belegte. Großer Konsens unter der Clique: Der Klassenerhalt musste mit allen Mitteln verhindert werden.

Das feine Intrigenspiel der WG

Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand vorausahnen, dass eine kleine Textnachricht von Daniela aus der 7b den Junior völlig aus der Bahn werfen sollte: „Hab dich gerade bei Sky gesehen, LG Dany“. „Da schreibt ja meine tote Oma anzüglichere Sätze“, stichelte das Mammut gegen Juniors alte Jugendliebe. Doch der Jüngste der Clique war daraufhin aus dem Geschäft. Fortan müsste sie ihn nur öfter im Fernsehen verfolgen, fantasierte er, dann würden ihrer damaligen Romanze Flügel wachsen, die sie bis in die heutige Zeit tragen würden. Das restliche Trio ließ ihn bis zum Zerplatzen der Seifenblase in seinem Irrglauben. „Trivial ist keine Zahl“, gab Mischa geistesgegenwärtig als Parole aus und schmiedete mit Hansi und dem Mammut wackere Pläne.

In der Folge verfasste Hansi ein in der WG vielbeachtetes Buch über die beliebtesten Mannschaftskapitäne des 1. FC Magdeburg von 1965 bis zum Sommer 2018. Mit einer gefälschten Widmung vom Chefpraktikanten Iron Maik versehen warf er die kleine Mitternachtslektüre Nils Butzen in den Briefkasten. Das Mammut beteiligte sich auf andere Weise. Der WG-Älteste wollte vor allem den altgedienten Recken des Clubs einen Streich spielen: Nico Hammann und Christopher Handke sollten dank ihrer Erfahrung sicherlich lockerer mit gewissen Sticheleien im Verein umgehen können, dachte er.  Zur Melodie von „Time to Say Goodbye“ schnitt das Mammut die schönsten Fehlpässe, verlorenen Zweikämpfe und Ersatzbank-Szenen  der beiden aneinander. Auf die in die Kabine gelegten CDs schrieb er in liebevoller Schönschrift: „Beste Grüße, euer Mario“.

Mischas Guerilla-Taktik

Nicht ganz unvorhersehbar verließ der Boulevard-Mischa diesen Weg des zumindest halbseidenen Journalismus und verbiss sich in einer Art Guerilla-Taktik. Während der feuchtfröhlichen Auswärtsfahrt im Sonderzug nach Bochum warf der Lebemann kurz vor Einfahrt in den Hauptbahnhof eine Bengalfackel aus dem Abteil, um nur Momente später wieselflink über die Gleise das Weite zu suchen. Eine Aktion, die der Rest der Clique nur minder witzig fand. Einerseits hatte Mischa den Pyrostab gefährlich nah an seinen flüssigen Reiseproviant gehalten, andererseits mussten Junior, Hansi und das Mammut inmitten aller Magdeburg-Fans über anderthalb Stunden auf dem Bahnhof ausharren, während Mischa ihnen alle fünf Minuten Fotos vom deftigen Presse-Buffet schickte.

Das Fass zum Überlaufen brachte der Boulevardmann allerdings, als er die Mission der Presse-WG fast auffliegen ließ. In einem unbeobachteten Moment stahl er sich beim letzten Auswärtsspiel gegen Union Berlin von der Pressetribüne und torkelte sternhagelvoll in Richtung Gästeblock, nur um am dort angrenzenden Plexiglas die Magdeburger Fans in einer Tour zu bepöbeln. Dem umsichtigen Hansi war es zu verdanken, der den Ausflug seines WG-Kumpans rechtzeitig bemerkte und ihn vor dem Eintreffen der gut behelmten Staatsdiener rechtzeitig aus dem Block zog. In der Presseszene blieb dieses Manöver natürlich nicht unentdeckt. Mischas Sekretärin sowie die restliche Clique drängten fortan auf einen Aufenthalt in der Entzugsklinik, um ihren Schützling für eine gewisse Zeit aus der Schuss-Linie zu nehmen.

Vom Piano-Man zum DJ

„Da hatte ich es wohl etwas übertrieben“, gluckste Mischa fröhlich in seinem Zimmer in der Entzugsklinik vor sich hin. „Ist ja noch einmal gutgegangen“, klopfte ihm Junior auf die Schulter, der für eine Weile kein Wort mehr mit seinem Kollegen gesprochen hatte. Nachdem Daniela aus der 7b jedoch auf seine Postkarte aus dem Usedom-Urlaub nicht geantwortet hatte, besann sich Junior auf die Männerfreundschaft und schloss wieder Frieden.

„Ist der Oenning eigentlich weg? Ich hab kaum was mitbekommen?“, fragte Mischa in die Runde. „Jo, jetzt ist der Krämer da“, entgegnete das Mammut sofort. „Der DJ? Das kann ja heiter werden. Vom Piano-Man zum DJ. Jungs, das wird eine unvergessliche Saison“, prostete der Mischa seinen Freunden zu. „Lass erst einmal ein bisschen Ruhe einkehren“, fügte Hansi mahnend ein.  Wie auf Stichwort erhob sich das Trio und verabschiedete sich in geselliger Atmosphäre vom vierten in ihrem Bunde. Ihnen wurde ganz warm ums Herz, als sie sich an der Tür noch einmal umdrehten, um ihrem Mischa zuzuwinken. „Eine Frage noch“, setzte dieser an. „Ist eigentlich der Brief beim Union-Spiel aufgetaucht?“ Die drei schauten Mischa fragend an. „Vor dem Spiel hab ich dem Marius Bülter ein mit Union-Briefkopf fingiertes Angebot in die Kabine gelegt. Naja, ist vielleicht irgendwo durchgerutscht“, zuckte er mit den Schultern.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog