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#6 „Französisch ohne“

Jemand musste die Presse-WG verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses geschrieben hätte, fand sie sich eines Nachmittags in Halle-Ammendorf wieder. „Nochmal, Jungs, warum müssen wir hier sein?“, ätzte Mischa schwer genervt und verbarg sein Gesicht gegen den eisigen Novemberwind tief hinter seiner fellbesetzten Kapuze. „Zum hundertsten Mal, nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga ist der Landespokal …“, setzte Junior an, doch da winkte Mischa schon ab: „Jaja, kapiert, nicht einmal Lachshäppchen gibt es hier“, moserte der Boulevardmann.

„Mittlerweile ist die Chancenverwertung des Clubs das einzige, was lax ist“, kalauerte das Mammut und kleckerte feixend etwas von seinem Kaffee auf den reichlich beschriebenen Notizblock. „Höhö, hast du den Witz aus der Apotheken-Umschau?“, äffte Junior den Senior der WG nach. „Von eurer Volontärin“, konterte das Mammut. „Warum ist die heute eigentlich nicht hier in der Provinz? Warum muss solch eine Edelfeder wie du zum Landespokal?“, stichelte der WG-Veteran gekonnt. „Anne ist mittlerweile im Politik-Ressort und berichtet heute über die innerparteilichen Konflikte in der AfD“, murmelte Junior gekränkt. „Aber, aber“, klopfte im Mischa feixend auf die Schulter, „die Alternative zur Politik hast du doch hier. Schau, da macht der Roczen das 0:1. Guter Mann. Das wird mal ein Großer, wenn er nach der Saison wieder geht.“

Hansi und sein Bratwürstchen

Während sich das Trio an der Seitenlinie mit absurden Bewegungen gegen die kriechende Kälte sträubte, kam Hansi verspätet von seinem routinemäßigen Toilettengang zurück. Seit dem eskalierten Mitternachtsausflug auf der Reeperbahn nach dem 1:2-Auswärtssieg beim HSV in der 2. Bundesliga hatte sich der leichtgläubige Lokalreporter eine penetrante Infektion eingefangen. ‚Französisch ohne‘ sei halt kein vergünstigter Sprachlehrgang, hatte ihn die Clique im Nachhinein immer gefoppt. „Habt ihr das gesehen“, rief Hansi seinen Mitstreitern entgegen, „Abstauber in reinster Torjägermanier. Der Roczen wird mal ein Großer.“ Hansi stopfte sich genüsslich ein Bratwurst-Brötchen in den Mund und nickte zufrieden. „Wo warst du so lange?“, fragte das Mammut betont gelangweilt, ohne seinen Blick vom Spielfeld zu wenden. „Hat das Versorgen der ersten Bratwurst wieder länger gedauert.“

Mischa und Junior konnten sich ein Lachen nicht verkneifen und hätten sicher miteingestimmt, wenn der Nachwuchsstürmer des Clubs nicht just in jenem Moment zum 0:2 nachgelegt hätte. „Fußballgott“, blökte Mischa über den halben Platz und ließ das Mammut den Treffer auf seinen Zettel notieren. „Fotografier ich mir nachher wieder ab“, zwinkerte der WG-Choleriker seinem Kollegen zu. „Aber nicht wieder den falschen Zettel zeigen“, drohte Mischa dem Mammut scherzhaft mit erhobenem Arm. „Ach, iwo“, zwinkerte der Senior zurück und lachte herzlich. Was hatte sich der Rest der WG zuletzt nicht mehr einbekommen, als das Mammut dem angetrunkenen Boulevardmann nach einem Spiel die falschen Infos abknipsen ließ. Plötzlich agierte Dirk Stahmann wieder wie ein Fels in der Brandung in der Innenverteidigung und statt Tarek Chahed hatte Markus Wuckel das 3:0 gegen Würzburg erzielt. War dem Kollegen zwar erst in der druckfrischen Ausgabe nach dem Katerfrühstück aufgefallen, nickte er aber fachmännisch mit einem Schulterzucken weg: „Passt doch zu 30 Jahren deutscher Einheit.“ Nein, nein, dachte sich das Mammut, beim nächsten Mal müssten sie sich etwas anderes einfallen lassen, um die laxe journalistische Arbeitsweise des Kollegen aufs Korn zu nehmen.

Erdmanns böse Modell-Grätsche

„Also, ich bin doch nur zu spät gekommen“, setzte Hansi kleinlaut an, „weil da vor dem Eingang noch so ein Trödelhändler alte Modelleisenbahnmodelle angeboten hatte.“ „Logo“, entgegnete Junior, schließlich befand sich das WG-Quartett auch im Stadion der Waggonbauer. Und nachdem Dennis Erdmann bei der Saison-Abschlussfeier der WG nach dem Zweitligaabstieg aus Frust Hansis halbe Modelllandschaft weggrätschte, suchte dieser händeringend nach seltenen Ersatzteilen. „Außerdem hatten sie da noch“, bemerkte Hansi kleinlaut, „alte Briefmarken aus den 1920er … “ „Jaja, Hansi“, fuhr ihm Junior in die Parade, „dann können wir dich ja damit in deine Teenagerzeit zurückschicken.“

Zur Halbzeitpause führten die Blau-Weißen souverän mit 0:3. Eine Sensation schien sich nicht anzubahnen, weshalb das Quartett zumindest froh war, dass ihnen der Geschäftsführer einen kurzen Besuch abstattete. „Mario, alter CEO“, wanzte sich Mischa ungelenk an den langjährigen Kapitän heran. „Geschäftsführer der 1. FC Magdeburg Spielbetriebs GmbH, bitte“, genierte sich dieser gespielt und begrüßte die Presse-WG. „Na, Hansi, noch Probleme mit dem Motor? Ich sag ja immer: ‚Französisch ohne‘ ist kein vergünstigter Sprachlehrgang‘“, nahm ihn der Geschäftsführer in den Schwitzkasten und gab ihm eine väterliche Kopfnuss. Der Rest der WG bückte sich ab, der Mario wieder, der wusste natürlich, wie man es bei den Frauen richtig anging.

Revolution auf der Mitgliederversammlung?

„Am Donnerstag ist Mitgliederversammlung“, unterbrach das Mammut. „Stech mal ein paar Daten durch, dann müssen wir nicht vorbeikommen. Ist immer so kalt bei euch seit dem Zweitligaabstieg. Und die schönsten Hostessen habt ihr auch wieder an die Handballer verloren.“ „Oder gibt es für die Damen auch einen Drei-Jahres-Plan?“, wandte Mischa ein. „Gemach, gemach, Jungs. Nur so viel: Finanziell top, sportlich flop, aber letzteres ist ja eher zweitrangig“, erklärte der Geschäftsführer. „Seit diesem Sommer wohl eher wieder drittrangig“, kalauerte Mischa, was dem Rest der Truppe nur ein müdes Lächeln abringen konnte. „Wichtigster Punkt neben einer gesunden finanziellen Basis bleibt die Erweiterung der Räumlichkeiten des Geschäftsleiters“, zwinkerte der ehemalige Club-Libero in die Runde. „Bist das nicht du?“, fragte ihn Hansi ungläubig. „Aber, aber, Hansi. Wer wird denn da so investigativ nachfragen?“, buffte ihm Mario in die Seite.

Indes hatte die zweite Halbzeit der Pflichtaufgabe wieder begonnen. Der Geschäftsführer trottete ruhigen Schrittes in Richtung Spielerbank, während ihm die Presse-WG leicht desillusioniert hinterherblickte. „Also wieder keine Revolution auf der Mitgliederversammlung?“, durchbrach das Mammut die bleierne Stille und erntete nur leises Gemurmel. Seitdem Mario die Zügel beim Club in der Hand hatte, fühlte sich die Presse-WG auf den Mitgliederversammlungen so deplatziert wie der Donnerstag bei „Fridays for Future“. Auf einmal waren die letzten Satzungspunkte auf der Tagesordnung nicht mehr hektisch mit dem Bleistift überschrieben worden, als Einlasshilfe für den Pförtner war Mischas Selbstgebrannter plötzlich nutzlos und als Wahlurne für die Stimmzettelabgabe hatte auch die gläserne Blumenvase der Sekretärin ausgedient. Es hätte nicht viel gefehlt und Junior hätte in seinem Konfirmandenanzug gefragt, ob der Club nun auch Bausparverträge anbiete.

Mischas Übernahme-Pläne

Was waren das noch für Zeiten, als der Riese in seiner schlummernden Tiefschlafphase war. Unter dem Rechtsanwalt als Präsidenten versuchte die Presse-WG mehrfach, Scheinmitglieder auf die Versammlungen zu schleusen. Mit deren Hilfe sollte dann die Presse-WG in den Aufsichtsrat gehievt werden. Illustre Pläne hatte sich das Quartett für den Verein ausgedacht: Mischa plädierte für einen Stadionneubau am Autobahnkreuz nahe des Amüsierschuppens „Mösers Mösen“, Junior machte sich als Lokalpatriot für klassische Telemann-Musik im Vorprogramm der Heimspiele stark, das Mammut warb für Kostenersparnis durch die Verschiebung der Programmheft-Redaktion in die Hände seiner Zeitung und Hansi war mit allem einverstanden. „Volker, hör die Signale“, sang das WG-Quartett damals inbrünstig und wähnte sich schon des sicheren Sieges auf der Mitgliederversammlung. Aufgeflogen ist der Übernahme-Coup letztendlich durch ein vom Mischa angestiftetes Scheinmitglied. Seinen privaten, schwarz beschäftigten und des deutschen Verwaltungsvokabulars nicht mächtigen Fensterputzer aus dem Ostbalkan hatte er unter dem Namen „Karlo Klarsicht“ angemeldet. Das musste selbst den trübsichtigen Verwaltungsbürokraten der damaligen Zeit auffallen. Mischa musste der WG letztendlich nach einem Auswärtsspiel in Plauen ein verlängertes Wochenende im Erzgebirge spendieren.

„Mir ist kalt, ich fahre mit dem Bus“

Das Mammut schwadronierte noch über die alte Zeit, da entfernte sich die Clique nach einem lockeren 0:5-Landespokalsieg in Halle-Ammendorf schon vom Stadion der Waggonbauer. Das Umweltbewusstsein ihrer Controlling-Abteilungen hatte neuerdings dafür gesorgt, dass das Quartett seine Auswärtsziele mit dem Zug ansteuern musste. „Wie kommen wir jetzt eigentlich zum Bahnhof?“, preschte Mischa voran, ohne wirkliche Kenntnis der Ammendorfer Infrastruktur. „Der Bus startet hier direkt um die Ecke“, entgegnete Junior. „Können aber auch zum S-Bahnhof laufen.“ „Mir ist kalt, ich fahre mit dem Bus“, moserte Mischa. „Nahverkehr ist in unserem Ticket aber nicht inbegriffen“, warnte Hansi. „Jaja, wird schon nix passieren, die Welt gehört den Mutigen“, verabschiedete sich Mischa und sprintete zur Bushaltestelle.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog