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#7 „Auf allen Viren“

Für die Clique fühlte es sich an, als sei sie aus einem wunderschönen Traum erwacht und wurde nun mit einer schallenden Ohrfeige geweckt. Ihr Pele wurde entlassen. Sie, die immer hinter ihrem Lieblingstrainer standen – zumindest beim Einlass in die angesagten Clubs -, waren geschockt. Das konnte unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein. Immerhin ist Pele den Weg der vom Club propagierten Bescheidenheit stets loyal mitgegangen und hat in seiner Amtszeit für einen bescheidenen Punkteschnitt gesorgt.

„Ich verstehe die sportliche Leitung nicht“, sagte Mischa für seine Verhältnisse ungewohnt nüchtern und konsterniert. Noch einen Abend zuvor hatte sich Mischa begeistert gezeigt, welch starke Ballbesitzphasen die Blau-Weißen gegen Hansa Rostock zeigten. Besonders die Aufwärmübungen vor dem Anpfiff hatten ihn überzeugt. „Die Wollitz-Entlassung muss doch jetzt bestimmt für Empörung bei den Fans sorgen“, mutmaßte der Boulevardmann, der damit wieder sein untrügliches Gespür für die Stimmung in der Magdeburger Szene bewies. Immerhin hatte es der knorrige Ostwestfale Wollitz trotz seiner kurzen Amtszeit an der Elbe in einer inoffiziellen Umfrage zur Top 10 der besten Trainer der letzten Jahre tatsächlich knapp auf einen ehrenvollen zehnten Platz geschafft.

Es droht die Viertligaprovinz

„Oh Gott“, verlustierte sich Hansi in die Gedanken eines drohenden Abstiegs in die Regionalliga, „dann müssen wir wieder nach Meuselwitz, Auerbach und Halberstadt.“ „Korrekt, Hansi, und dann kommen noch die ganzen Provinzvereine dazu“, ordnete das Mammut gekonnt ein. Die Edelfeder unter den lokalen Leitartiklern schrieb kurz nach der Entlassung Wollitz‘ bereits an einer journalistischen Einordnung für seine Online-Zeitung. Genüsslich aschte er seine Zigarre in Hansis leere Kakaotasse und klopfte sich noch einmal anerkennend auf die Schulter.

Hatte ganz schön gedauert, einen Einstieg in seinen Leitartikel zu finden. Doch letztlich lobte er sich für das sprachliche Bild des „einst schlafenden Riesen, der sich bald wieder bettet“. Wenn er doch nur schneller herausbekommen hätte, wie die Copy-Paste-Funktion seiner Laptoptastatur belegt war, um den Text aus einem Fanforum zu übernehmen, dann wäre er jetzt schon weiter.

Sabbatical der Erwachsenenunterhaltung

Tatsächlich hatte die Presse-WG um Hansi, Mischa, Junior und Mammut die Routine der täglichen journalistischen Arbeit fast schon ein wenig vergessen. Beinah ein halbes Jahr hatte die Clique den 1. FC Magdeburg nicht mehr journalistisch neutral begleitet. Anlass für das „Sabbatical der Erwachsenen-Unterhaltung“, wie sie es nannten, war die damalige erste Pressekonferenz von Claus-Dieter, wie die WG den Übungsleiter Anfang Januar 2020 halb huldigungsvoll, halb überparteilich noch ansprach. „Nennt mich Pele“, streckte ihnen der Übungsleiter kumpelhaft die Hand entgegen, „Pele Wollust“. Der Chefcoach lachte über diesen Gag so herzerfrischend, dass es für das Journalistenquartett und ihn der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden sollte.

Schon früh hatte sich die Presse-WG mit ihrem Pele verbündet, um den Jungspunden von den Öffentlich-Rechtlichen ein Schnippchen zu schlagen. „Für jedes ‚äh‘, das ich stümperhaft in die Kamera stottere, gibt es abends eine Runde Kurzen“, schlug der Übungsleiter jovial vor. Ehrensache natürlich, dass die Fernseh-Interviews für den bis dato besten FCM-Trainer der 2020er-Jahre ein Festival der Umlaute wurde.

Peles ungewöhnliche Motivationsmethoden

„Prost, Jungs!“, stieß Mischa abends fröhlich mit der Runde an. Gerade erst war der 1. FC Magdeburg seiner Außenseiterrolle gegen den SV Meppen mit einer 0:2-Heimniederlage völlig gerecht geworden, da klingelte auch schon ihr Pele stürmisch an der WG-Tür. „Das Interview, das Interview“, keuchte er beim Erstürmen der Treppe. „Heute war ich brillant.“ Der lebenslustige Westfale hatte wirklich nicht zu viel versprochen. Zwischen jedes „äh“ hatte er gekonnt immer mal wieder ein paar Füllwörter gepackt, letztendlich waren fünf Flaschen „Leberhaken“ aber nach drei Minuten Interview geleert. „Sport ist Mord, Sprit hält fit, haha!“, kippte Pele gierig erst einen Kurzen in den Schlund und im Anschluss einen ordentlichen Schuss in Hansis Kakaotasse, der ahnungslos gerade auf der Doppelnull weilte.

Sportlich konnte sich die Führungsriege um Mario und den Chefpraktikanten beim neuen Trainer im Bunde wirklich nicht beschweren. So war der Wohlfühlfaktor in der Kabine bei den Spielern tatsächlich in den Keller gegangen. Wie oft fälschlich kolportiert wurde, lag das aber weniger an der Ansprache vom Übungsleiter, sondern vielmehr an Peles ungewöhnlichen Motivationsmethoden. Schon früh hatte er sich vom Chefpraktikanten einen Zweitschlüssel zu den Geschäftsräumen des Vereins geben lassen und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sämtliche Gehälter jedes Spielers öffentlich einsehbar an die Kabinentür geklebt. „Ich bin ein Trainer, der sich an Zahlen messen lässt“, zwinkerte er damals seiner Presse-WG zu. Eine ungewöhnliche Maßnahme, wie das Quartett fand. Die Edelfedern verstanden dementsprechend auch nicht, warum der Mannschaftsgeist nicht stärker wuchs. „Immerhin sieht ein Leon Bell Bell jetzt mal, was man beispielsweise mit den guten Leistungen eines Dustin Bomheuer verdienen kann“, erklärte Pele seine Motivationsgedanken. Aus sportlicher Sicht hatte Pele nach kleinen Startschwierigkeiten immerhin drei ungeschlagene Spiele in Folge erreicht, und dies gegen solch Drittliga-Großkaliber wie Chemnitz, 1860 und Jena. Kurzum: Der neue Trainer machte keine halben Sachen – ein ganzer Punkt pro Spiel musste schon das Ziel sein.

Corona-Urlaub im Hause Wollitz

Das Selbstvertrauen des einstigen Europapokalsiegers wuchs unter der Ägide Wollitz‘ sukzessive an. Zumindest hätte es das tun können, wenn sich die tägliche Weiterentwicklung des Trainers an der Flasche sportlich auf die Mannschaft übertragen hätte. Spätestens mit der erzwungenen Corona-Pause nach der unglücklichen Niederlage in Duisburg wurde Pele die Möglichkeit verwehrt, seine Trainingsmethoden zu verfeinern.

Zwei Wochen nach dem Shutdown im März erhielt die Presse-WG eine herzliche Videobotschaft von Pele aus seiner Heimat im ostwestfälischen Brakel. Ob das liebgewonnene Medienquartett ihn denn nicht mal im Hause Wollitz besuchen möge? Innerhalb von wenigen Minuten waren die Reisetaschen gepackt. Junior und das Mammut dachten an schöngeistige Literatur und Zigarren, Mischa packte noch etwas Ethanol mit Geschmack ins Auto und Hansi packte die Angst. Länger als zwei Wochen von Zuhause weg war er zuletzt, als ihm ein Kollege während des Volontariats riet, er solle mal über den Jordan gehen.

Hansi lernt dazu

Die Corona-Pause in Peles Heimat gestaltete sich als einziger Männertraum. Ein Schützenumzug gab den nächsten, es wurde viel Bier gebraut und getrunken und Pele stellte ihnen seine alten Kollegen aus Schulzeiten vor. Für die Presse-WG wurde es eine Zeitreise in ihre Vergangenheit und die des Trainers. Und sogar die scheinbar allwissenden Journalisten konnten hier noch etwas dazulernen. „Corona scheint hier gar kein Thema zu sein“, tippte Hansi Junior eines Abends am Tresen an. „Zumindest hat mich die Kellnerin gerade gefragt, ob sie den Mundschutz abnehmen kann, wenn sie mir ein Fellatio serviert. Kennst du das Getränk, Junior?“ „Lass gut sein, Hansi“, lallte Junior, der schon ordentlich gelitert hatte.“„Komische Namen haben die hier“, stutzte Hansi, schaute in sein leeres Glas und rief übermütig in die volle Bar hinein: „Eine Saalrunde Fellatio für alle.“

Eines Morgens kam Pele hektisch die Treppe hinuntergestürzt: „Jungs, Jungs, die wollen die 3. Liga wieder starten.“ Die Presse-WG musste ihren neuen Lieblingstrainer in der Folge wirklich aufmuntern. Wie sich herausstellte, hatte Pele seinen Spielern, im Glauben an einen Saisonabbruch, keine Trainingspläne für das Homeoffice in die Hand gegeben. Die Chancen auf einen Klassenerhalt bezifferte er auf wenige Prozentpunkte.

Peles Verlustängste

„Ruf doch mal einer den Bankert an, der soll ein bisschen was vorbereiten für die Jungs. Irgendwas mit Brennball und Springseil, damit die wieder fit werden. Ich kenn die doch, die haben bestimmt wochenlang nix gemacht.“ Pele konnte man die ehrliche Anspannung anmerken, was ein Re-Start bedeuten würde. Er hatte Angst, entlassen zu werden und seine neuen Freunde in der Presse-WG wieder zu verlieren. Eindringlich bat er das Journaille-Quartett, sich beim GmbH-Leiter für einen Saisonabbruch stark zu machen.

„Wir müssen ihn irgendwie wieder aufmuntern“, flüsterte das Mammut in einem Vieraugengespräch Mischa zu. „Wir können ja unsere Gehaltszettel und seinen hier an den Kühlschrank pinnen“, witzelte der Boulevardmann zurück. Doch es half nichts. Nach über zehnwöchiger Corona-Pause wurden Pele und seine Jungs von den roten Teufeln aus Kaiserslautern direkt in die Vorhölle des Abstiegskampfs geschickt. Der Übungsleiter schien konsterniert. Nicht einmal zu emotionalen Ausbrüchen ließ sich der sonst so hitzige Seitenlinienstratege hinreißen.

Die Witze der Vorgänger

Der Gipfel der Frechheit war, dass sich der FCM-Trainer von seinen Vorgängern demütigen lassen musste. Wie es der Zufall und der DFB-Spielplaner so wollten, traf Wollitz in zwei aufeinanderfolgenden Spielen auf die Herren Krämer und Härtel. Beide hatten sich offenbar abgestimmt und begrüßten den lebenslustigen Ostwestfalen mit dem gleichen flachen Kalauer. „Claus-Dieter, was fragte Pele nach dem WM-Sieg Brasiliens 1970 seine Mutter?“ „Ich weiß es nicht“, hatte Wollitz gegenüber Krämer noch geantwortet.

„Mama, darf ich noch weiter fernsehgucken?“ Als ihm der sonst so spröde Jens Härtel bei diesem Witz beinahe feixend in die Seite boxte, hatte Pele nur noch mitleidig gelächelt. Er wusste, dass nach der 1:3 Niederlage in Rostock seine Tage an der Elbe gezählt waren.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Da nützte es auch nichts, dass sich die Presse-WG am nächsten Morgen an die Stadiontore kettete und ein Transparent mit der Aufschrift „Mehr Solidarität in Corona-Zeiten – Pele ist systemrelevant!“ vor die MDCC-Arena spannte. Wurde fünf Minuten später eh von dem konträren Aufruf der Ultras überdeckt.

„Es nutzt nix, Jungs“, begriff Hansi als erster der Vier die bittere Lage. „Ich klingel schon mal bei den Pressesprechern der Regionalligisten durch und melde unsere Akkreditierungen an.“ Das restliche Trio nickte einhellig. Eines war ihnen spätestens jetzt klar. Ohne Pele war der glorreiche 1. FC Magdeburg dem Abstieg in die Viertklassigkeit geweiht. Dem Quartett war es nur schleierhaft, warum sich ihr Freund nach seiner Entlassung nie wieder bei ihnen meldete. Mischa begriff bald als erster der WG, dass es nun galt, wieder nach vorne zu schauen. „Hansi, weißt du eigentlich, was Pele nach dem WM-Sieg 1970 seine Mutter fragte?“. Hehe, der alte Boulevardmann mal wieder. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Veröffentlicht in Die Presse-WG - der Blog